Wie das Home-Office eine 2-Klassen-Arbeitsgesellschaft begünstigt hat – und was Unternehmen jetzt tun sollten

Hier erfährst Du, wie Unternehmen den Herausforderungen von Home-Office-Regelungen entgegenwirken können und wie die Zukunft unserer Arbeitsgesellschaft aussehen könnte.

Die COVID-19 Pandemie resultierte für Arbeitgebende und Arbeitnehmende in teils  drastischen Veränderungen am Arbeitsplatz. So ist zum Beispiel das Home-Office oder gar remote work für immer mehr Unternehmen und Mitarbeitenden fester Bestandteil ihrer Arbeitskultur geworden. Die dadurch entstehenden Mehrwerte und Risiken durch das  mobile Arbeiten für Arbeitnehmende und Arbeitgebende sind seit nunmehr 2 Jahren weitreichend bekannt und diskutiert worden,  allerdings stehen insbesondere Unternehmen der Industrie, des Handwerks, des Handels – also alle Unternehmen mit Beschäftigungen ohne Schreibtisch und Laptop – vor großen Herausforderungen. Nicht jeder Mitarbeitende profitiert von Home-Office Regelungen oder arbeitet gar in einem Beruf, der es  ermöglicht, von zu Hause aus zu arbeiten. Sachverständige warnen inzwischen gar vor einer 2-Klassen Gesellschaft.  

Home-Office als Teil unserer Arbeitsgesellschaft 

Aufgrund steigender Infektionszahlen sind  Arbeitgeber in Deutschland laut § 28b Infektionsschutzgesetz (zunächst) bis einschließlich 19.  März 2022 verpflichtet, ihren Beschäftigten, wenn möglich, Home-Office anzubieten. In besonderen Fällen können sich Unternehmen von dieser Pflicht befreien lassen, wenn beispielsweise aufgrund betrieblicher Gegebenheiten die Arbeit von zu Hause nicht ermöglicht werden kann. Auch Mitarbeitende sind dazu verpflichtet, Home-Office Angebote anzunehmen, soweit ihrerseits keine Gründe entgegenstehen. 

Laut einer Umfrage des Online-Portals Statista im Jahr 2020, welche die Arbeitspräferenzen von Mitarbeitenden untersuchte, waren sich 17,4 % unsicher, während 24,6 % der Befragten angaben, dass sie das Arbeiten im Home-Office ablehnen.  Mehr als die Hälfte der Befragten gab mit 58 % an, dass sie das Arbeiten von zu Hause dem Arbeiten im Büro bevorzugen, insbesondere bei gesundheitsgefährdenden Situationen.  

Auch Unternehmen sind unabhängig von der pandemischen Lage nicht abgeneigt, Home-Office Angebote auch in Zukunft beizubehalten, wie aktuelle Befragungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit zeigen. Auffällig ist, dass speziell größere Unternehmen  mit mehr als 250 Beschäftigten bereit sind, Home-Office Lösungen auszuweiten. 65 % der befragten Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten planen demnach eine Erweiterung ihrer Home-Office-Regelungen. Bei Unternehmen mit 50 bis 249 Mitarbeitenden sind es 30 % und bei Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitenden sind es nur noch knapp 20 %. Für Unternehmen, die sich für die Erweiterung von Home-Office aussprechen, steht im Fokus, den eigenen Mitarbeitenden einen echten Mehrwert zu bieten und sich als attraktiver Arbeitgeber am Markt zu platzieren. Sie wollen den Beschäftigten ein flexibles Arbeitsmodell anbieten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern.   

Die Tendenz zeigt, dass Home-Office Regelungen für Unternehmen und Mitarbeitende auch in Zukunft nicht mehr wegzudenken sind.  

Welche Auswirkungen haben Home-Office Regelungen auf unsere Gesellschaft? 

Das Arbeiten von zu Hause bietet für Mitarbeitende und Unternehmen in ganz Deutschland große Chancen. Doch Home-Office birgt auch einige Herausforderungen und schafft neuartige Probleme insbesondere für diejenigen, die aufgrund ihrer Tätigkeit nicht im Home-Office arbeiten können oder aufgrund ihrer Lebens- und Wohnsituation mit erschwerten Bedingungen zurechtkommen müssen. Unternehmen stehen vor einer schwierigen Aufgabe und müssen den Arbeitnehmenden eine angemessene Arbeitsumgebung bieten. Viele Arbeitgeber können ihren Mitarbeitenden keine Home-Office-Lösung anbieten oder es fehlt ihnen an finanziellen Mitteln, den Mitarbeitenden weitere Benefits auch außerhalb des Büros zu bieten. 

Produktivität im Home-Office stark abhängig von der eigenen Wohnsituation 

77 % der Teilnehmenden an einer Umfrage im Rahmen der empirischen Studie der Technischen Universität Darmstadt mit dem Titel “Home-Office im Interessenkonflikt” aus dem Jahr  2021 geben an, überwiegend zufrieden mit der Arbeit im Home-Office zu sein. Die Probanden haben das Gefühl,  zu Hause um 14 % produktiver zu sein als im Büro. Ein Drittel der Beschäftigten bewerten die eigene Produktivität zu Hause hingegen als geringer oder ähnlich wie am Arbeitsplatz im Büro. 

Andreas Pfnür, Leiter des Fachgebiets Immobilienwirtschaft und Baubetriebswirtschaft der Technische Universität Darmstadt, weist darauf hin, dass die Wohnsituation einen maßgeblichen Einfluss auf Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeitenden hat. Es spielen dabei viele Faktoren eine Rolle: Hat der Mitarbeitende einen fest definierten Arbeitsplatz oder Kinder und Familie zu Hause? Welche technischen Voraussetzungen sind zu Hause gegeben oder müssen geschaffen werden? In welcher Gegend wohnt der Mitarbeitende, ist es eher ruhig oder laut? Auch persönliche Faktoren wie Erfolg, Alter, Einkommen etc. sind maßgebliche Einflussfaktoren für die Produktivität von Mitarbeitenden im Home-Office. Personen, die bereits eine Menge Erfahrung in ihrem Job mitbringen, haben es meist leichter, sich im Home-Office zurechtzufinden und ihrer gewohnten Arbeit nachzugehen. Junge Berufseinsteigende müssen sich häufig an die neue Position, Verantwortung  und die Unternehmenskultur gewöhnen und sich gleichzeitig den Herausforderungen des mobilen Arbeitens stellen. 

Die Lebens- und Einkommenssituation wird zu einem maßgeblichen Faktor für die Produktivität der Mitarbeitende im Home-Office. Arbeitnehmende, die in einem privilegierten Umfeld wohnen und arbeiten, haben es daher leichter, die Arbeit von zu Hause aus zu erledigen und profitieren größtenteils von Home-Office Regelungen. Arbeitnehmende, die mit Ablenkung zu Hause arbeiten und keinen fest eingerichteten Arbeitsplatz oder einen Rückzugsort haben, stehen vor einer Herausforderung. 

Berufe, die Home-Office Regelungen erschweren oder unmöglich machen 

Doch was ist mit den Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden kein Home-Office anbieten können? Diese Arbeitgeber stehen vor einer ganz anderen, wesentlich grundlegenden Herausforderung: Die Tätigkeit ihrer Mitarbeitenden ist nur schwer von zu Hause auszuführen oder kann ausschließlich vor Ort erfüllt werden. Darunter fallen beispielsweise Berufe, die im Bereich “Wissensarbeit” die Interaktion mit anderen oder die Präsenz der Mitarbeitenden erfordert, wie beispielsweise Erziehende, Lehrkräfte, Pflegende, Busfahrende, Beschäftigte im Bau- und Produktionsbereich, Kassierende im Supermarkt und viele mehr.  

Im April 2020 konnten laut Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nur 43 % aller Beschäftigten in Deutschland theoretisch im Home-Office arbeiten. Dabei lag der Wert bei Müttern bei 49 % und bei Vätern bei 57 %. Besonders betroffen sind die Berufsgruppen, in denen überwiegend Frauen tätig sind – wie Altenpflegerinnen, Erzieherinnen und  Reinigungs- oder Servicekräfte. Die Arbeit ist oft hart und häufig auch noch schlecht bezahlt. 

Laut Stanford-Professor Nicholas Bloom führen Home-Office Regelungen vermehrt dazu, den ohnehin privilegierten Beschäftigten einen zusätzlichen Vorteil zu verschaffen.  Auch andere Experten, darunter Andreas Pfnür, sehen die fortschreitende Entwicklung als kritisch und sprechen von einer “Spaltung der Gesellschaft”.

Die Gefahr einer 2-Klassen Gesellschaft 

Home-Office Regelungen kommen überwiegend Beschäftigten zugute, die zu Hause die benötigte Infrastruktur und den Raum zum Arbeiten haben. Sie haben in der Regel bereits attraktive Jobs, die gut bezahlt werden, und sie arbeiten für Unternehmen, die Ihren Mitarbeitenden den maximalen Komfort bieten. Auf der anderen Seite stehen Beschäftigte, die mit schlechten Verhältnissen zurechtkommen müssen und häufig sogar Mehrkosten aufgrund von Home-Office Regelungen ihrer Arbeitgeber haben. Eine neue Büroausstattung, technische Infrastruktur und vieles mehr kostet Geld, welches viele Arbeitnehmende nicht ohne weiteres aufbringen können. Home-Office birgt die Gefahr, ein weiteres Statussymbol für die Privilegierten der Arbeitswelt zu werden.  

Laut Dr. Johanna Wenckebach, Leiterin des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht, hängt die Chance auf mobiles Arbeiten stark vom Bildungsstand und dem Berufsabschluss des Mitarbeitenden ab. Die Kluft zwischen  privilegierten und weniger privilegierten Arbeitnehmenden öffnet sich weiter.  

Besonders kritisch bewerten Sachverständige Diskussionen darüber, ob das klassische Büro in Zukunft überflüssig werden könnte. Wie Wenckebach betont, ist der Arbeitsplatz  ein wichtiger Ort für soziale Interaktion und bietet im Besonderen für Frauen die Basis für ein Netzwerk der Sicherheit und des Austauschs.

Was können Unternehmen tun, um einer 2-Klassen Gesellschaft entgegenzuwirken? 

Unabhängig, ob ein Arbeitgeber den Mitarbeitenden Home-Office-Lösungen anbieten kann oder nicht, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, einer Spaltung der Gesellschaft und der eigenen Belegschaft entgegenzuwirken. Wir haben dazu unterschiedliche Lösungsansätze untersucht, um die Zukunft von Arbeitnehmenden in ein Gleichgewicht zu bringen. 

Hybride Arbeitsmodelle 

Ein hybrides Arbeitsmodell vereint die Vorteile des mobilen Arbeitens und das Arbeiten im Büro und ist für viele Mitarbeitende und Unternehmen die optimale Lösung.  Die Möglichkeit, seine Arbeitszeit und den Arbeitsort individuell, flexibel und frei zu wählen, ist ein wirklicher Mehrwert für die Beschäftigten. Arbeitnehmende können abhängig von ihrer Lebenssituation die Zeit im Büro oder zu Hause frei wählen. Mitarbeitende, die nicht die angemessene Infrastruktur zu Hause haben, können wie gewohnt im Büro arbeiten und die Arbeitszeit voll ausnutzen.  

Eine aktuelle Umfrage im Dezember 2021 bis Januar 2022 des ZEW Mannheim mit 1200 teilnehmenden Firmen aus der Informationswirtschaft und dem verarbeitenden Gewerbe ergab, dass fast jedes zweite Unternehmen plant, nach der Pandemie ein hybrides Arbeitsmodell anzubieten. Laut dem ZEW-Wissenschaftler Daniel Edsiek, planen 37 % der Unternehmen die Mitarbeitenden drei Tage die Woche ins Home-Office zu schicken – das sind dreimal so viele Unternehmen wie vor Beginn der Pandemie. Nicht außer Acht zu lassen ist, dass sich diese Zahlen auf Unternehmen beziehen, die die Möglichkeit haben, ihren Mitarbeitenden Home-Office Lösungen anzubieten. 

Mehr Gehalt und flexible Arbeitszeiten 

Für Arbeitnehmende, die für Unternehmen tätig sind, welche aus besonderen Gründen keine Home-Office-Lösungen anbieten können, schlägt Stanford Professor Nicholas Bloom vor: mehr Gehalt oder flexiblere Arbeitszeiten. Ziel ist es, Mitarbeitende angemessen zu entschädigen, für die Home-Office ausgeschlossen ist. Der Stanford-Ökonom rechnet mit einem realistischen Ausgleich durch einen höheren Jahresbonus von fünf bis zehn Prozent.  Mitarbeitende im Home-Office schlechter zu bezahlen, ist hingegen keine Lösung, denn es geht nicht darum, eine der beiden Seiten zu benachteiligen, sondern ausschließlich darum, einen Ausgleich zwischen den privilegierten und den nicht so privilegierten Arbeitnehmenden zu schaffen.   

Besonders können Berufsgruppen, in denen überwiegend Frauen tätig sind und für die kein Home-Office in Betracht kommt, von einer attraktiven und  flexibleren Arbeitszeitgestaltung profitieren. Zukünftig  wäre es für Beschäftigte, die in einem Haushalt mit Kindern leben, einfacher, die Arbeit und das Familienleben miteinander zu vereinbaren und zugleich den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern.  

Auch andere Corporate Benefits können einen Ausgleich für Home-Office Lösungen darstellen und Mitarbeitende an den Arbeitgeber binden. Kinderbetreuung, Firmenwagen oder Firmentickets für den öffentlichen Nahverkehr, attraktive Karrierechancen, Verpflegung am Arbeitsplatz steigern Zufriedenheit und Bindung der Mitarbeitenden. 

Anpassung an die Lebenssituation der Mitarbeitenden 

In den USA finden wir einen neuen Ansatz, mit der aktuellen Entwicklung des Arbeitsmarktes und den neuen Home-Office-Regelungen umzugehen. Amerikanische Großkonzerne wie Google, Facebook und Twitter wagen den Schritt in eine andere Richtung und bezahlen Beschäftigten, die dauerhaft im Home-Office arbeiten, zukünftig weniger Gehalt. Das Arbeiten von zu Hause bietet die Möglichkeit, in günstigeren Regionen zu wohnen und die Lebensunterhaltungskosten zu senken. Arbeitnehmende erhalten künftig Gehalt, das an den individuellen Wohnort angepasst ist. Dabei ist es laut Google unerheblich, ob jemand im Home-Office arbeitet oder regelmäßig ins Büro kommt. Gehälter werden dementsprechend auf Basis der tatsächlichen Lebensunterhaltungskosten eines Mitarbeitenden berechnet.  

Doch ist das auch ein Modell für deutsche Unternehmen? Löhne, die abhängig vom Wohnort eines Arbeitnehmenden bemessen werden, bieten Unternehmen die Möglichkeit, zwei Anreize bei den Beschäftigten zu setzen: Mitarbeitende werden dazu ermutigt, ins Büro zu kommen und auf Home-Office-Lösungen zu verzichten oder in preiswertere Wohngegenden zu ziehen und die eigenen Lebensunterhaltungskosten zu senken. In wirtschaftlicher Hinsicht kann das für Regionen und Städte in Deutschland einen positiven Effekt haben, da die Kaufkraft vor Ort gestärkt wird und die Attraktivität der Vororte oder kleineren Städten steigt. Arbeitgeber können Lohnkosten senken und Löhne an die Lebensunterhaltungskosten der Beschäftigten anpassen. Das kann dazu beitragen, einer Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken, da im Rahmen dieser Lohnbemessung die tatsächlichen monatlichen Kosten eines Arbeitnehmenden berücksichtigt werden und die Gehälter an die unterschiedlichen Lebenssituationen angepasst werden können.  

Allerdings ist es fragwürdig, ob eine Gehaltsreduzierung in Deutschland zum gewünschte Erfolg führen kann. Die Inflation in Deutschland ist im Januar 2022 schon auf 4,9 % gestiegen und erhöht den Druck auf Arbeitgeber, die Gehälter der Beschäftigten an die hohen Preise des Marktes anzupassen. Die Kaufkraft der Arbeitnehmenden nimmt ab und führt langfristige zur Unzufriedenheit der Mitarbeitenden. Eine Unternehmensumfrage des Ifo Instituts ergibt, dass 78 % der 630 befragten Personalchefs bereits 2021 davon ausgingen, dass Arbeitnehmende im Jahr 2022 mit deutlichen Lohnerhöhungen rechnen können.  Diese Annahme liegt durchaus auch an den Erhöhungen des Mindestlohns ab 01. Januar 2022 von 6,90 EUR auf 9,82 EUR und ab 01. Juli 2022 auf 10,45 EUR, was für viele Arbeitnehmende eine Gehaltserhöhung von 6,4 % bedeutet. Allerdings ist es durchaus denkbar, die Gehälter in beide Richtungen anzupassen und einen Ausgleich innerhalb der Gesellschaft zu schaffen und die Lebensunterhaltungskosten als Bemessungsgrundlage für Löhne heranzuziehen. In Deutschland wird es in Zukunft auch für Arbeitgeber wichtig sein, die Kaufkraft der Mitarbeitenden zu stärken, den Markt zu stabilisieren und verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse der Arbeitnehmenden zu reagieren. 

Was können Unternehmen ohne Home-Office Regelungen für ihre Mitarbeitenden tun? 

Das Ausschließen bestimmter Gruppen bei Verhandlungen und Beschlüssen rund um das Thema Home-Office wird vom Gesetzgeber häufig und gerne getan. Allerdings können wie zuvor erwähnt  laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nur 43 % aller Beschäftigten in Deutschland theoretisch im Home-Office arbeiten (Stand: April 2020), das bedeutet, dass über 50 % der Arbeitnehmenden in Deutschland aufgrund ihrer Tätigkeit die Möglichkeit verwehrt wird Home-Office-Lösungen anzunehmen. Mitarbeitenden in sogenannten Blue-Collar-Unternehmen, die in der Produktion, dem Handwerk, Dienstleistungsgewerbe oder ähnlichen Berufen tätig sind, werden häufig bei Home-Office Debatten nicht berücksichtigt. 

Automatisierung von Produktionsprozessen 

In Zukunft gibt es für Arbeitnehmende im Gewerbe die Möglichkeit, flexibel und mobil zu arbeiten. Die Automatisierung und Digitalisierung vieler Arbeitsschritte ermöglicht es, Mitarbeitende zu entlasten und die Zeit vor Ort am Fließband, einer Werkbank oder der Kasse mit neuen Technologien zu minimieren oder gar ganzheitlich zu ersetzen. Die Überwachung, Kontrolle und Entwicklung einzelner Produktionsprozesse könnte in Zukunft mobil erledigt werden.  Hier geht es nicht darum, Personal zu reduzieren, sondern Fachkräften aus Blue Collar Unternehmen Wertschätzung entgegenzubringen, diese zu entlasten und Ressourcen entlang der Wertschöpfungskette flexibel einzusetzen und langfristig Produktions- und Dienstleistungsketten effizienter zu gestalten. Allerdings ist hier ein Umdenken der Gesellschaft und der Unternehmen gefragt. 

Benefits für Mitarbeitende 

Für Arbeitnehmende, die aufgrund ihrer Tätigkeit an den Arbeitsort oder die Produktionsstätte gebunden sind, sollten Arbeitgeber besondere Benefits zur Motivation und Bindung der Mitarbeitenden anbieten. Im produzierenden Gewerbe sind beispielsweise Modelle für Prämien- und Leistungslohn ein besonderer Vorteil. Verkaufsangestellte freuen sich in der Regel über interne Rabatte. Es gibt aber auch Benefits, wie beispielsweise Verpflegungsangebote am Arbeitsplatz, welche nur Mitarbeitenden zugutekommt, die nicht im Home-Office arbeiten. Benefits, die ausschließlich denen zugutekommen, die nicht im Büro arbeiten können, führen zu einem Ausgleich im Unternehmen und bieten eine gewisse Fairness im direkten Vergleich mit Berufen, die im Home-Office ausgeführt werden können. 

Zusammenfassung

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes zeigt deutlich: Das Home-Office ist fester Bestandteil der zukünftigen Arbeitsgesellschaft. Es ist für Unternehmen sowie Arbeitnehmende nicht mehr wegzudenken. Allerdings wird es in Zukunft definitiv keine Lösung sein, einfach die klassischen Büros abzuschaffen. Unternehmen müssen sich darauf vorbereiten – wenn möglich – den Mitarbeitenden ein hybrides Arbeitsmodell anzubieten. Unternehmen, die keine eigenen Büroräume mieten, können den Beschäftigten eine Mitgliedschaft bei WeWork & Co oder anderen Co-Working-Spaces anbieten, die vom Arbeitgeber bezahlt werden. So können die Vorteile des mobilen Arbeitens und der Büroarbeit kombiniert und damit jeweils verbundenen Nachteilen entgegengewirkt werden.  

Unternehmen, die keine Home-Office-Lösungen anbieten können, sollten auf Benefits für Mitarbeitenden setzen, die ausschließlich denen zugutekommen, die ihrer Arbeit nur vor Ort nachgehen können. In Blue-Collar-Unternehmen wie dem produzierenden Gewerbe oder im Dienstleistungssektor sollten Arbeitgeber zukünftig auf technologische Fortschritte setzen, Mitarbeitende vor Ort entlasten und flexible Arbeitszeitmodelle anbieten.  

Sicher ist, dass unterschiedliche Jobs bereits in der Vergangenheit und auch in der Zukunft unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringen. Über die Attraktivität eines Arbeitsumfeldes hat der Arbeitgeber selbst den größten Einfluss und sollte die derzeitige Home-Office-Entwicklung nicht unterschätzen, besonders, wenn es um die Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft in Deutschland geht. Um zu verhindern, dass sich die Gesellschaft oder die eigene Belegschaft in unterschiedliche Klassen spaltet, sollten Arbeitgeber darauf achten, einen Ausgleich für diejenigen zu schaffen, die aufgrund ihrer Tätigkeit nicht im Home-Office arbeiten können und den Bedürfnissen der Arbeitnehmenden im höchst möglichen Maß zu stillen. 

 
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Noch mehr Insights zur Gefahr einer
2-Klassen-Gesellschaft

Die COVID-19 Pandemie resultierte für Arbeitgebende und Arbeitnehmende in teils  drastischen Veränderungen am Arbeitsplatz. So ist zum Beispiel das Home-Office oder gar remote work für immer mehr Unternehmen und Mitarbeitenden fester Bestandteil ihrer Arbeitskultur geworden. Die dadurch entstehenden Mehrwerte und Risiken durch das  mobile Arbeiten für Arbeitnehmende und Arbeitgebende sind seit nunmehr 2 Jahren weitreichend bekannt und diskutiert worden,  allerdings stehen insbesondere Unternehmen der Industrie, des Handwerks, des Handels – also alle Unternehmen mit Beschäftigungen ohne Schreibtisch und Laptop – vor großen Herausforderungen. Nicht jeder Mitarbeitende profitiert von Home-Office Regelungen oder arbeitet gar in einem Beruf, der es  ermöglicht, von zu Hause aus zu arbeiten. Sachverständige warnen inzwischen gar vor einer 2-Klassen Gesellschaft.  

Home-Office als Teil unserer Arbeitsgesellschaft

Aufgrund steigender Infektionszahlen sind  Arbeitgeber in Deutschland laut § 28b Infektionsschutzgesetz (zunächst) bis einschließlich 19.  März 2022 verpflichtet, ihren Beschäftigten, wenn möglich, Home-Office anzubieten. In besonderen Fällen können sich Unternehmen von dieser Pflicht befreien lassen, wenn beispielsweise aufgrund betrieblicher Gegebenheiten die Arbeit von zu Hause nicht ermöglicht werden kann. Auch Mitarbeitende sind dazu verpflichtet, Home-Office Angebote anzunehmen, soweit ihrerseits keine Gründe entgegenstehen.

Laut einer Umfrage des Online-Portals Statista im Jahr 2020, welche die Arbeitspräferenzen von Mitarbeitenden untersuchte, waren sich 17,4 % unsicher, während 24,6 % der Befragten angaben, dass sie das Arbeiten im Home-Office ablehnen.  Mehr als die Hälfte der Befragten gab mit 58 % an, dass sie das Arbeiten von zu Hause dem Arbeiten im Büro bevorzugen, insbesondere bei gesundheitsgefährdenden Situationen. 

Auch Unternehmen sind unabhängig von der pandemischen Lage nicht abgeneigt, Home-Office Angebote auch in Zukunft beizubehalten, wie aktuelle Befragungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit zeigen. Auffällig ist, dass speziell größere Unternehmen  mit mehr als 250 Beschäftigten bereit sind, Home-Office Lösungen auszuweiten. 65 % der befragten Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten planen demnach eine Erweiterung ihrer Home-Office-Regelungen. Bei Unternehmen mit 50 bis 249 Mitarbeitenden sind es 30 % und bei Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitenden sind es nur noch knapp 20 %. Für Unternehmen, die sich für die Erweiterung von Home-Office aussprechen, steht im Fokus, den eigenen Mitarbeitenden einen echten Mehrwert zu bieten und sich als attraktiver Arbeitgeber am Markt zu platzieren. Sie wollen den Beschäftigten ein flexibles Arbeitsmodell anbieten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern.  

Die Tendenz zeigt, dass Home-Office Regelungen für Unternehmen und Mitarbeitende auch in Zukunft nicht mehr wegzudenken sind. 

Welche Auswirkungen haben Home-Office Regelungen auf unsere Gesellschaft? 

Das Arbeiten von zu Hause bietet für Mitarbeitende und Unternehmen in ganz Deutschland große Chancen. Doch Home-Office birgt auch einige Herausforderungen und schafft neuartige Probleme insbesondere für diejenigen, die aufgrund ihrer Tätigkeit nicht im Home-Office arbeiten können oder aufgrund ihrer Lebens- und Wohnsituation mit erschwerten Bedingungen zurechtkommen müssen. Unternehmen stehen vor einer schwierigen Aufgabe und müssen den Arbeitnehmenden eine angemessene Arbeitsumgebung bieten. Viele Arbeitgeber können ihren Mitarbeitenden keine Home-Office-Lösung anbieten oder es fehlt ihnen an finanziellen Mitteln, den Mitarbeitenden weitere Benefits auch außerhalb des Büros zu bieten. 

Produktivität im Home-Office stark abhängig von der eigenen Wohnsituation 

77 % der Teilnehmenden an einer Umfrage im Rahmen der empirischen Studie der Technischen Universität Darmstadt mit dem Titel “Home-Office im Interessenkonflikt” aus dem Jahr  2021 geben an, überwiegend zufrieden mit der Arbeit im Home-Office zu sein. Die Probanden haben das Gefühl,  zu Hause um 14 % produktiver zu sein als im Büro. Ein Drittel der Beschäftigten bewerten die eigene Produktivität zu Hause hingegen als geringer oder ähnlich wie am Arbeitsplatz im Büro. 

Andreas Pfnür, Leiter des Fachgebiets Immobilienwirtschaft und Baubetriebswirtschaft der Technische Universität Darmstadt, weist darauf hin, dass die Wohnsituation einen maßgeblichen Einfluss auf Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeitenden hat. Es spielen dabei viele Faktoren eine Rolle: Hat der Mitarbeitende einen fest definierten Arbeitsplatz oder Kinder und Familie zu Hause? Welche technischen Voraussetzungen sind zu Hause gegeben oder müssen geschaffen werden? In welcher Gegend wohnt der Mitarbeitende, ist es eher ruhig oder laut? Auch persönliche Faktoren wie Erfolg, Alter, Einkommen etc. sind maßgebliche Einflussfaktoren für die Produktivität von Mitarbeitenden im Home-Office. Personen, die bereits eine Menge Erfahrung in ihrem Job mitbringen, haben es meist leichter, sich im Home-Office zurechtzufinden und ihrer gewohnten Arbeit nachzugehen. Junge Berufseinsteigende müssen sich häufig an die neue Position, Verantwortung  und die Unternehmenskultur gewöhnen und sich gleichzeitig den Herausforderungen des mobilen Arbeitens stellen. 

Die Lebens- und Einkommenssituation wird zu einem maßgeblichen Faktor für die Produktivität der Mitarbeitende im Home-Office. Arbeitnehmende, die in einem privilegierten Umfeld wohnen und arbeiten, haben es daher leichter, die Arbeit von zu Hause aus zu erledigen und profitieren größtenteils von Home-Office Regelungen. Arbeitnehmende, die mit Ablenkung zu Hause arbeiten und keinen fest eingerichteten Arbeitsplatz oder einen Rückzugsort haben, stehen vor einer Herausforderung. 

Berufe, die Home-Office Regelungen erschweren oder unmöglich machen 

Doch was ist mit den Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden kein Home-Office anbieten können? Diese Arbeitgeber stehen vor einer ganz anderen, wesentlich grundlegenden Herausforderung: Die Tätigkeit ihrer Mitarbeitenden ist nur schwer von zu Hause auszuführen oder kann ausschließlich vor Ort erfüllt werden. Darunter fallen beispielsweise Berufe, die im Bereich “Wissensarbeit” die Interaktion mit anderen oder die Präsenz der Mitarbeitenden erfordert, wie beispielsweise Erziehende, Lehrkräfte, Pflegende, Busfahrende, Beschäftigte im Bau- und Produktionsbereich, Kassierende im Supermarkt und viele mehr. 

Im April 2020 konnten laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nur 43 % aller Beschäftigten in Deutschland theoretisch im Home-Office arbeiten. Dabei lag der Wert bei Müttern bei 49 % und bei Vätern bei 57 %. Besonders betroffen sind die Berufsgruppen, in denen überwiegend Frauen tätig sind – wie Altenpflegerinnen, Erzieherinnen und  Reinigungs- oder Servicekräfte. Die Arbeit ist oft hart und häufig auch noch schlecht bezahlt.

Laut Stanford-Professor Nicholas Bloom führen Home-Office Regelungen vermehrt dazu, den ohnehin privilegierten Beschäftigten einen zusätzlichen Vorteil zu verschaffen.  Auch andere Experten, darunter Andreas Pfnür, sehen die fortschreitende Entwicklung als kritisch und sprechen von einer “Spaltung der Gesellschaft”.

Die Gefahr einer 2-Klassen Gesellschaft 

Home-Office Regelungen kommen überwiegend Beschäftigten zugute, die zu Hause die benötigte Infrastruktur und den Raum zum Arbeiten haben. Sie haben in der Regel bereits attraktive Jobs, die gut bezahlt werden, und sie arbeiten für Unternehmen, die Ihren Mitarbeitenden den maximalen Komfort bieten. Auf der anderen Seite stehen Beschäftigte, die mit schlechten Verhältnissen zurechtkommen müssen und häufig sogar Mehrkosten aufgrund von Home-Office Regelungen ihrer Arbeitgeber haben. Eine neue Büroausstattung, technische Infrastruktur und vieles mehr kostet Geld, welches viele Arbeitnehmende nicht ohne weiteres aufbringen können. Home-Office birgt die Gefahr, ein weiteres Statussymbol für die Privilegierten der Arbeitswelt zu werden. 

Laut Dr. Johanna Wenckebach, Leiterin des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht, hängt die Chance auf mobiles Arbeiten stark vom Bildungsstand und dem Berufsabschluss des Mitarbeitenden ab. Die Kluft zwischen  privilegierten und weniger privilegierten Arbeitnehmenden öffnet sich weiter. 

Besonders kritisch bewerten Sachverständige Diskussionen darüber, ob das klassische Büro in Zukunft überflüssig werden könnte. Wie Wenckebach betont, ist der Arbeitsplatz  ein wichtiger Ort für soziale Interaktion und bietet im Besonderen für Frauen die Basis für ein Netzwerk der Sicherheit und des Austauschs.

Was können Unternehmen tun, um einer 2-Klassen Gesellschaft entgegenzuwirken? 

Unabhängig, ob ein Arbeitgeber den Mitarbeitenden Home-Office-Lösungen anbieten kann oder nicht, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, einer Spaltung der Gesellschaft und der eigenen Belegschaft entgegenzuwirken. Wir haben dazu unterschiedliche Lösungsansätze untersucht, um die Zukunft von Arbeitnehmenden in ein Gleichgewicht zu bringen. 

Hybride Arbeitsmodelle 

Ein hybrides Arbeitsmodell vereint die Vorteile des mobilen Arbeitens und das Arbeiten im Büro und ist für viele Mitarbeitende und Unternehmen die optimale Lösung.  Die Möglichkeit, seine Arbeitszeit und den Arbeitsort individuell, flexibel und frei zu wählen, ist ein wirklicher Mehrwert für die Beschäftigten. Arbeitnehmende können abhängig von ihrer Lebenssituation die Zeit im Büro oder zu Hause frei wählen. Mitarbeitende, die nicht die angemessene Infrastruktur zu Hause haben, können wie gewohnt im Büro arbeiten und die Arbeitszeit voll ausnutzen. 

Eine aktuelle Umfrage im Dezember 2021 bis Januar 2022 des ZEW Mannheim mit 1200 teilnehmenden Firmen aus der Informationswirtschaft und dem verarbeitenden Gewerbe ergab, dass fast jedes zweite Unternehmen plant, nach der Pandemie ein hybrides Arbeitsmodell anzubieten. Laut dem ZEW-Wissenschaftler Daniel Edsiek, planen 37 % der Unternehmen die Mitarbeitenden drei Tage die Woche ins Home-Office zu schicken – das sind dreimal so viele Unternehmen wie vor Beginn der Pandemie. Nicht außer Acht zu lassen ist, dass sich diese Zahlen auf Unternehmen beziehen, die die Möglichkeit haben, ihren Mitarbeitenden Home-Office Lösungen anzubieten. 

Mehr Gehalt und flexible Arbeitszeiten 

Für Arbeitnehmende, die für Unternehmen tätig sind, welche aus besonderen Gründen keine Home-Office-Lösungen anbieten können, schlägt Stanford Professor Nicholas Bloom vor: mehr Gehalt oder flexiblere Arbeitszeiten. Ziel ist es, Mitarbeitende angemessen zu entschädigen, für die Home-Office ausgeschlossen ist. Der Stanford-Ökonom rechnet mit einem realistischen Ausgleich durch einen höheren Jahresbonus von fünf bis zehn Prozent.  Mitarbeitende im Home-Office schlechter zu bezahlen, ist hingegen keine Lösung, denn es geht nicht darum, eine der beiden Seiten zu benachteiligen, sondern ausschließlich darum, einen Ausgleich zwischen den privilegierten und den nicht so privilegierten Arbeitnehmenden zu schaffen.  

Besonders können Berufsgruppen, in denen überwiegend Frauen tätig sind und für die kein Home-Office in Betracht kommt, von einer attraktiven und  flexibleren Arbeitszeitgestaltung profitieren. Zukünftig  wäre es für Beschäftigte, die in einem Haushalt mit Kindern leben, einfacher, die Arbeit und das Familienleben miteinander zu vereinbaren und zugleich den Lebensunterhalt für die Familie zu sichern. 

Auch andere Corporate Benefits können einen Ausgleich für Home-Office Lösungen darstellen und Mitarbeitende an den Arbeitgeber binden. Kinderbetreuung, Firmenwagen oder Firmentickets für den öffentlichen Nahverkehr, attraktive Karrierechancen, Verpflegung am Arbeitsplatz steigern Zufriedenheit und Bindung der Mitarbeitenden. 

Anpassung an die Lebenssituation der Mitarbeitenden 

In den USA finden wir einen neuen Ansatz, mit der aktuellen Entwicklung des Arbeitsmarktes und den neuen Home-Office-Regelungen umzugehen. Amerikanische Großkonzerne wie Google, Facebook und Twitter wagen den Schritt in eine andere Richtung und bezahlen Beschäftigten, die dauerhaft im Home-Office arbeiten, zukünftig weniger Gehalt. Das Arbeiten von zu Hause bietet die Möglichkeit, in günstigeren Regionen zu wohnen und die Lebensunterhaltungskosten zu senken. Arbeitnehmende erhalten künftig Gehalt, das an den individuellen Wohnort angepasst ist. Dabei ist es laut Google unerheblich, ob jemand im Home-Office arbeitet oder regelmäßig ins Büro kommt. Gehälter werden dementsprechend auf Basis der tatsächlichen Lebensunterhaltungskosten eines Mitarbeitenden berechnet. 

Doch ist das auch ein Modell für deutsche Unternehmen? Löhne, die abhängig vom Wohnort eines Arbeitnehmenden bemessen werden, bieten Unternehmen die Möglichkeit, zwei Anreize bei den Beschäftigten zu setzen: Mitarbeitende werden dazu ermutigt, ins Büro zu kommen und auf Home-Office-Lösungen zu verzichten oder in preiswertere Wohngegenden zu ziehen und die eigenen Lebensunterhaltungskosten zu senken. In wirtschaftlicher Hinsicht kann das für Regionen und Städte in Deutschland einen positiven Effekt haben, da die Kaufkraft vor Ort gestärkt wird und die Attraktivität der Vororte oder kleineren Städten steigt. Arbeitgeber können Lohnkosten senken und Löhne an die Lebensunterhaltungskosten der Beschäftigten anpassen. Das kann dazu beitragen, einer Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken, da im Rahmen dieser Lohnbemessung die tatsächlichen monatlichen Kosten eines Arbeitnehmenden berücksichtigt werden und die Gehälter an die unterschiedlichen Lebenssituationen angepasst werden können. 

Allerdings ist es fragwürdig, ob eine Gehaltsreduzierung in Deutschland zum gewünschte Erfolg führen kann. Die Inflation in Deutschland ist im Januar 2022 schon auf 4,9 % gestiegen und erhöht den Druck auf Arbeitgeber, die Gehälter der Beschäftigten an die hohen Preise des Marktes anzupassen. Die Kaufkraft der Arbeitnehmenden nimmt ab und führt langfristige zur Unzufriedenheit der Mitarbeitenden. Eine Unternehmensumfrage des Ifo Instituts ergibt, dass 78 % der 630 befragten Personalchefs bereits 2021 davon ausgingen, dass Arbeitnehmende im Jahr 2022 mit deutlichen Lohnerhöhungen rechnen können.  Diese Annahme liegt durchaus auch an den Erhöhungen des Mindestlohns ab 01. Januar 2022 von 6,90 EUR auf 9,82 EUR und ab 01. Juli 2022 auf 10,45 EUR, was für viele Arbeitnehmende eine Gehaltserhöhung von 6,4 % bedeutet. Allerdings ist es durchaus denkbar, die Gehälter in beide Richtungen anzupassen und einen Ausgleich innerhalb der Gesellschaft zu schaffen und die Lebensunterhaltungskosten als Bemessungsgrundlage für Löhne heranzuziehen. In Deutschland wird es in Zukunft auch für Arbeitgeber wichtig sein, die Kaufkraft der Mitarbeitenden zu stärken, den Markt zu stabilisieren und verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse der Arbeitnehmenden zu reagieren. 

Was können Unternehmen ohne Home-Office Regelungen für ihre Mitarbeitenden tun? 

Das Ausschließen bestimmter Gruppen bei Verhandlungen und Beschlüssen rund um das Thema Home-Office wird vom Gesetzgeber häufig und gerne getan. Allerdings können wie zuvor erwähnt  laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nur 43 % aller Beschäftigten in Deutschland theoretisch im Home-Office arbeiten (Stand: April 2020), das bedeutet, dass über 50 % der Arbeitnehmenden in Deutschland aufgrund ihrer Tätigkeit die Möglichkeit verwehrt wird Home-Office-Lösungen anzunehmen. Mitarbeitenden in sogenannten Blue-Collar-Unternehmen, die in der Produktion, dem Handwerk, Dienstleistungsgewerbe oder ähnlichen Berufen tätig sind, werden häufig bei Home-Office Debatten nicht berücksichtigt. 

Automatisierung von Produktionsprozessen 

In Zukunft gibt es für Arbeitnehmende im Gewerbe die Möglichkeit, flexibel und mobil zu arbeiten. Die Automatisierung und Digitalisierung vieler Arbeitsschritte ermöglicht es, Mitarbeitende zu entlasten und die Zeit vor Ort am Fließband, einer Werkbank oder der Kasse mit neuen Technologien zu minimieren oder gar ganzheitlich zu ersetzen. Die Überwachung, Kontrolle und Entwicklung einzelner Produktionsprozesse könnte in Zukunft mobil erledigt werden.  Hier geht es nicht darum, Personal zu reduzieren, sondern Fachkräften aus Blue Collar Unternehmen Wertschätzung entgegenzubringen, diese zu entlasten und Ressourcen entlang der Wertschöpfungskette flexibel einzusetzen und langfristig Produktions- und Dienstleistungsketten effizienter zu gestalten. Allerdings ist hier ein Umdenken der Gesellschaft und der Unternehmen gefragt. 

Benefits für Mitarbeitende 

Für Arbeitnehmende, die aufgrund ihrer Tätigkeit an den Arbeitsort oder die Produktionsstätte gebunden sind, sollten Arbeitgeber besondere Benefits zur Motivation und Bindung der Mitarbeitenden anbieten. Im produzierenden Gewerbe sind beispielsweise Modelle für Prämien- und Leistungslohn ein besonderer Vorteil. Verkaufsangestellte freuen sich in der Regel über interne Rabatte. Es gibt aber auch Benefits, wie beispielsweise Verpflegungsangebote am Arbeitsplatz, welche nur Mitarbeitenden zugutekommt, die nicht im Home-Office arbeiten. Benefits, die ausschließlich denen zugutekommen, die nicht im Büro arbeiten können, führen zu einem Ausgleich im Unternehmen und bieten eine gewisse Fairness im direkten Vergleich mit Berufen, die im Home-Office ausgeführt werden können. 

Zusammenfassung

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes zeigt deutlich: Das Home-Office ist fester Bestandteil der zukünftigen Arbeitsgesellschaft. Es ist für Unternehmen sowie Arbeitnehmende nicht mehr wegzudenken. Allerdings wird es in Zukunft definitiv keine Lösung sein, einfach die klassischen Büros abzuschaffen. Unternehmen müssen sich darauf vorbereiten – wenn möglich – den Mitarbeitenden ein hybrides Arbeitsmodell anzubieten. Unternehmen, die keine eigenen Büroräume mieten, können den Beschäftigten eine Mitgliedschaft bei WeWork & Co oder anderen Co-Working-Spaces anbieten, die vom Arbeitgeber bezahlt werden. So können die Vorteile des mobilen Arbeitens und der Büroarbeit kombiniert und damit jeweils verbundenen Nachteilen entgegengewirkt werden. 

Unternehmen, die keine Home-Office-Lösungen anbieten können, sollten auf Benefits für Mitarbeitenden setzen, die ausschließlich denen zugutekommen, die ihrer Arbeit nur vor Ort nachgehen können. In Blue-Collar-Unternehmen wie dem produzierenden Gewerbe oder im Dienstleistungssektor sollten Arbeitgeber zukünftig auf technologische Fortschritte setzen, Mitarbeitende vor Ort entlasten und flexible Arbeitszeitmodelle anbieten. 

Sicher ist, dass unterschiedliche Jobs bereits in der Vergangenheit und auch in der Zukunft unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringen. Über die Attraktivität eines Arbeitsumfeldes hat der Arbeitgeber selbst den größten Einfluss und sollte die derzeitige Home-Office-Entwicklung nicht unterschätzen, besonders, wenn es um die Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft in Deutschland geht. Um zu verhindern, dass sich die Gesellschaft oder die eigene Belegschaft in unterschiedliche Klassen spaltet, sollten Arbeitgeber darauf achten, einen Ausgleich für diejenigen zu schaffen, die aufgrund ihrer Tätigkeit nicht im Home-Office arbeiten können und den Bedürfnissen der Arbeitnehmenden im höchst möglichen Maß zu stillen. 

 

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